Kein Plan. Viel erlebt.

Wie fühlt es sich an, das Leben auf kleinen Plastikstühlen?

Zwischen Töpfen und Tellern habe ich in Vietnam mehr gefunden als nur gutes Essen: Begegnungen und Momente, die bleiben. Eine Reportage über Garküchen.

Hallo Hội An! Eigentlich mag ich dich gar nicht so gerne.

Ich bin in Zentral-Vietnam angekommen, genauer gesagt in Hội An. UNESCO Weltkulturerbe, Altstadt, Venedig Vietnams, unendlich viele Maßschneidereien – ein paar der Dinge, die ich vorher gelesen habe. Dass ich mich über eine Ort informiere, ist schon recht ungewöhnlich, denn normalerweise lasse ich mich überraschen. So nehme ich den Ort ganz unvoreingenommen war und mache mir mein eigenes Bild. 

Doch hier möchte ein bisschen länger hier bleiben. Mal ankommen, ein bisschen verschnaufen. Das Hostel habe ich trotzdem erst einmal für 2 Nächte gebucht – so, wie ich es immer mache, denn vor Ort weitere Nächte dranhängen ist in der Regel günstiger, als online zu buchen. Außerdem kann ich so noch flexibler meinen Schlafplatz wechseln. Ich freue mich und bin ein bisschen aufgeregt.

Doch kaum hier, fühle ich mich … ja, wie denn eigentlich?

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Hội Ans Straßen sind geprägt von bunten Lampions und Fahnen.

Zu viele Menschen. Alles wirkt durchgetaktet, voll, laut. Ich will unbedingt etwas schneidern lassen, weil „man das hier so macht“, aber weiß gar nicht so richtig was und fühle mich plötzlich überfordert und unter Druck gesetzt. 

Ich fühle mich irgendwie allein. Normalerweise habe ich damit kein Problem, denn ich liebe es, den Tag ganz für mich zu gestalten und eigentlich lerne ich auch recht schnell neue Leute kennen.

Doch hier ist es irgendwie anders. Alle anderen wirken so zusammen und scheinen es hier wirklich zu genießen. Ich bin kurz davor, den Ort abzuhaken. 

Und doch verlängere ich, um ihm noch eine Chance zu geben. Vielleicht liegts ja einfach an mir, meiner Einstellung.

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Das Leben findet in Vietnam auf der Straße statt. Das Bild wird geprägt von Garküchen und den kleinen roten Plastikhockern.

MIT DEM FAHRRAD DURCH DIE BUNTEN STRAßEN

Ich steige aufs Fahrrad und fahre durch Gassen, die mit bunten Wimpeln behangen sind. Rechts und links tauchen immer mal wieder kleine Klamottenstände und Garküchen auf, Qualm steigt in den Himmel, ich höre Gebrutzel und sehe die kleinen roten Plastikstühle, die auf dem Bürgersteig stehen. Ich liebe diese Einfachheit und so richtig weiß ich nie was da eigentlich serviert wird – als Vegetarierin gar nicht so einfach sich zurecht zu finden. Und doch fühlt sich genau das immer wieder vertraut an. Ein paar Frauen sitzen um einen kleinen Grill herum, auf dem Mais gebraten wird, ein Mädchen sitzt auf einem Hocker schaut dem Treiben auf der Straße zu und winkt, als ich vorbei fahre. Ein Roller überholt und hupt kurz, um sich anzukündigen. 

Die Kamera baumelt um meinen Oberkörper. So, dass ich sie schnell griffbereit habe, wenn der Moment und das Licht besonders schön sind.

Vor mir fährt ein Mann mit einem vietnamesischen Reishut und ich liebe alles daran. „Witzig“, denke ich, „die Hüte werden wirklich so getragen“. Vorher bin ich davon ausgegangen, das wäre einfach ein Touri-Ding. Ich schnappe mir schnell meine Kamera und mache ein Foto, bevor er in die nächste kleine Gasse verschwindet.

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Ich fühlte mich erstmal fehl am Platz in Hội An – bis zu diesem Moment: ein Mann mit Reishut, schönes Licht - der Wind fährt mir durch die Haare, als ich auf dem Fahrrad sitze und durch die Straßen düse. Ich greife zur Kamera und merke, dass es doch ganz okay hier ist.

Versteckt hinter Planen - fast wie eine andere Welt.

Wir halten an und ich stelle mein Fahrrad zu den vielen Mopeds, die am Straßenrand parken. Meine vietnamesische Begleitung schiebt eine blau-rote Plane zur Seite und plötzlich öffnet sich eine andere Welt. Eine Frau strahlt uns direkt an und zeigt auf die Plätze zu ihrer linken Seite.

Von der Straße aus war von dem, was sich hier verbirgt, nicht viel zu spüren, doch jetzt liegt ein leckerer Duft in der Luft.

Ich lächle zurück und setze mich. Natürlich auf einen kleinen roten Plastikstuhl, worauf auch sonst.

Vor mir steht ein ebenfalls ziemlich niedriger Tisch, auf dem verschiedene Dosen, Kisten und Flaschen stehen. Stäbchen, Besteck, Servietten, Chili- und Sojasauce. Um mich herum sitzen Einheimische, versunken in ihre dampfenden Schüsseln.

Die Frau im blauen Louis Vuitton Einteiler füllt einen Teller und reicht ihn mir rüber, dabei lacht sie wieder breit. Im nächsten Moment wendet sie sich wieder voll und ganz ihrer Schüssel zu und füllt den nächsten Teller auf. Vergessen ist das Gefühl, dass ich den Ort hier ja eigentlich gar nicht mag. 

Ich bleibe mit dem Blick an dem Teller hängen. So einer, wie er in Südostasien an jeder Ecke auftaucht. Mit Blumen, bunt und ein bisschen kitschig. In Deutschland würde man ihn höchstens noch im Schrank der Großeltern finden oder irgendwo in einer Kiste im Keller.

Bánh bột lọc ist das, was ich da auf meinem Teller habe, erfahre ich. Transparente Tapiokateigtaschen mit Garnelen oder Schweinefleisch gefüllt – für mich sogar extra vegetarisch – und getoppt mit Frühlings- und Röstzwiebeln.

In einer kleinen Garküche am Straßenrand von Hội An: Bánh bột lọc, frisch angerichtet in Sekunden. Für mich extra vegetarisch.
In einer kleinen Garküche am Straßenrand von Hội An: Bánh bột lọc, frisch angerichtet und für mich sogar extra vegetarisch.

Vielleicht bist du doch ganz okay, Hội An.

Die nächste Garküche ist schon von der Straße aus zu sehen. Ein umgebauter Handwagen mit vielen bunten Töpfen, Kisten, Tüten und Lebensmitteln. Viele kleine Schälchen mit bunten Blumen stehen nebeneinander auf einem roten Plastiktisch. Zwei Frauen füllen sie routiniert auf. 

Ich schaue für einen Moment neugierig zu und frage, ob ich fotografieren darf. Sie schauen kurz auf, lächeln, nicken, arbeiten weiter.

Ein älterer Mann lehnt an der mobilen Garküche. Er trägt ein braunes Shirt, eine silberne Kette, eine Uhr und einen Ring, der auffällt. Seine Zähne sind schief, einige fehlen, aber sein Lächeln ist trotzdem ganz offen. Ich zeige erst auf meine Kamera, dann auf ihn und als ich das Foto mache, hebt er grinsend zwei Finger zum Peace-Zeichen.

Ich setze mich wieder auf einen dieser kleinen roten Hocker. Ein paar Meter weiter sitzt eine alte Frau mit grauen, hochgesteckten Haaren, die in aller Ruhe isst. Ich mache unauffällig ein Foto. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass dieses Foto eins meiner liebsten der ganzen Vietnamreise wird. 

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Die Verkäuferin bereitet mit routinierten Handgriffen Bánh Bèo zu.
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Ein umgebauter Handwagen mit vielen bunten Töpfen, Kisten, Tüten und Lebensmitteln.

Ich bekomme eine Schüssel mit Bánh Bèo in die Hand gedrückt. Eine Spezialität aus Zentralvietnam: weiche flache Reismehlküchlein in kleinen Schalen, darüber eine Sauce und frittiertes Schwein. Für mich gibt es eine vegetarische Variante. Was es ist? Ich weiß es nicht, aber irgendwas wird auf Nachfrage bei den meisten Foodständen gefunden, mindestens Tofu gibt es eigentlich fast immer. 

Wir sitzen im Schatten eines Baumes, die Sonne scheint durch die Blätter. Hier ist alles entspannt und gleichzeitig voller Bewegung. Kein Stress und keine Hektik – nur das Klappern von Schüsseln, das Reden und Lachen der Frauen hinter dem Wagen. Und zwischendurch ein mit der ganzen Familie inklusive Hund besetztes Moped, was vorbei rattert. 

Suppe oder Dessert?

Als ich in den großen Topf schaue, der direkt auf dem Bürgersteig steht, bin ich gespannt. Schwarze Sesamsuppe – davon habe ich schon gelesen. Für mich sieht das mehr nach einem Dessert aus. Die Konsistenz ist dickflüssig, fast wie Pudding. Die Farbe ist tiefschwarz, glänzend. Es dampft leicht, als die Frau eine Kelle in den Topf taucht und die kleine Schale befüllt. Sie streut weißen Sesam drüber und reicht mir die Schale rüber. 

Ich setze mich ihr gegenüber auf einen Hocker und nehme sie vorsichtig entgegensetzen. Eigentlich mag ich keine Pudding-Joghurt-Konsistenzen, aber unterwegs mach ich da wohl mal Ausnahmen. Ich bin ja schließlich hier, um meinen Horizont zu erweitern und um in fremde Kulturen einzutauchen. Ich probiere und bin positiv überrascht: warm, ein bisschen nussig und leicht süß.

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Asiatische Sesamsuppe erscheint auf den ersten Blick erst einmal ungewöhnlich.

Chè mè đen, wie die Suppe auf Vietnamesisch heißt, wird aus schwarzem Sesam, Reis, Wasser und Zucker gekocht, was ihre cremige Konsistenz erklärt. Die Bezeichnung „Suppe“ wirkt aus meiner Sicht erstmal verwirrend, denn mit einer klassischen Suppe hat das nicht so viel zu tun.

Wie fühlt sich das an, dieses Leben auf kleinen Plastikstühlen?

Wir klappern noch einige weitere Garküchen ab und immer wieder werde ich von herzlichen Menschen, einem breiten Lächeln, roten Plastikhockern und niedrigen Tischen begrüßt. Es fühlt sich gut an, willkommen.

Als alle Gerichte aufgegessen und Getränke getrunken und wir mit unserem letzten Stop für den Tag fertig sind, zeigt mir mein Guide noch eine ganz besondere Stelle. Wir fahren mit unseren Rädern einige Minuten aus der Stadt heraus, vorbei an Häusern von Locals und durch Reisfelder. Die Sonne geht langsam unter und der Himmel färbt sich leicht rosa. Ich sehe schon aus der Entfernung Lenkdrachen, die in der Luft schweben und einige Menschen auf einem Feldweg stehen. 

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Auf den roten Plastikstühlen, vor einem kleinen Tischchen fühle ich mich doch ganz angekommen.

Kurz mal raus aus der Stadt

Der Guide erzählt, dass dieser Ort etwas ganz besonderes ist und Tourist:innen ihn nicht kennen oder eher selten hierher kommen. Denn eigentlich gibt es hier nichts zu sehen und doch genau diese Momente sind meine Liebsten. Die, die mir besonders viel zeigen. 

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Zwischen Wasserbüffel und Drachen steigen lassen – Alltag am Stadtrand von Hội An.

Um mich herum sind vietnamesische Familien, die mit Fahrrädern, Kindern und Snacks gekommen sind, um den Abend zu genießen, den Sonnenuntergang und die Wasserbüffel beim Weiden zu beobachten und die bunten Drachen steigen zu lassen. Es ist keine Attraktion, die für Reisende gemacht ist, sondern einfach ihr Alltag, in den ich für einen Moment eintauchen darf. 

Dieser ganze Tag, das Essen auf den kleinen Stühlen an der Straße, dieser letzte Moment, umgehen von Einheimischen, hat mich davon überzeugt, dass Hội An doch ganz anders ist, als ich zu Beginn dachte.

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Viele Familien kommen hierher, um ihren Feierabend zu genießen. Tourist:innen treffe ich hier eher wenige.

Tschüss Hội An. Irgendwie find ich dich doch ganz okay.

Ja, es ist voll, es ist überfordernd. Ja, die Altstadt ist wunderschön und „muss man mal gesehen haben“. Aber das, was es für mich besonders macht, sind einfach die Momente dazwischen. Wenn mich jemand nach Hội An fragt, erzähle ich davon, wie ich mit dem Fahrrad durch die Straßen gefahren bin. Davon, wie ich angelächelt wurde, von spannenden Gerichten, die ich probieren durfte und davon, was ich gefühlt habe, als Kinder erfolgreich ihren Lenkdrachen in die Luft bekommen haben. Und natürlich von den Momenten auf den Stühlen.

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Tschüss, Hội An und danke für die roten Plastikstühle.

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