Kein Plan. Viel erlebt.

Irgendwo einsam

Ich steh allein am Flughafen in Düsseldorf. Ungeduldig blicke ich auf das großen Display in der Eingangshalle. Wie immer bin ich viel zu früh da. Nicht einmal das Gate steht fest. Um mich herum wuseln Menschen von A nach B, zerren ihre Koffer und ihre Kinder hinter sich her, zwischendurch kommt eine viel zu laute Durchsage. Unruhig wippe ich auf meinen Füßen und checke zum hundertsten Mal an diesem Tag meine Flugnummer und die Boardingzeit auf meinem Handy. Ich schaue nochmal auf den Bildschirm, aber es hat sich nichts verändert – immer noch keine weiteren Infos. Ich schaue nochmal aufs Handy. „Alles richtig, ich bin rechtzeitig hier“, versuche ich mich selbst zu beruhigen, doch es funktioniert nur minimal. Ich weiß gar nicht, warum ich bei Flügen immer so eine Panik schiebe, es ist noch nie etwas schief gegangen. Genervt seufze ich.

Als nach einer halben Ewigkeit ganz unten rechts die Flugnummer SK1630 auf dem Display erscheint, fällt mir eine Last von en Schultern und ich setze mich in Bewegung. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und einem orangefarbenen Koffer, den ich mühsam hinter mir herziehe, reihe ich mich in die undefinierbare Menschenmasse ein, die sich durch die große Halle schiebt.

Gepäckabgabe. Sicherheitscheck. Duty Free. Unerwartet schnell komme ich durch alle Kontrollen. Seit wann darf ich eine Wasserflasche, die ich in meinem Handgepäck vergessen habe, mit durch den Security Check nehmen? Das ist neu. 

Kurz wundere ich mich, laufe weiter zum Gate, lasse meinen türkisfarbenen Handgepäcksrucksack mit der Muschel vom Jakobsweg auf einen freien Platz fallen und setze mich auf den Platz daneben. Ich trinke einen Schluck aus der Flasche und krame mein Handy aus der Hosentasche. Ich öffne WhatsApp und starre den Chatverlauf an. „So kann es echt nicht weitergehen!“, flüstere ich mir selbst ermutigend zu und tippe auf den Namen einer Freundin. Mehrere unbeantwortete Nachricht von ihr aus der letzten Zeit ploppen auf. Als ich ihr eine Sprachnachricht aufnehme, klingt meine Stimme irgendwie anders als sonst. Müde, langsam und leise.

„Hello… tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet hab. Ich hatte in den letzten Wochen einfach null Energie. Mir ging’s nicht gut – war total motivationslos und antriebslos. Ich hatte nicht mal Kraft, um Menschen zu antworten. Es war so ein kompletter Körper-Gehirn-Shutdown. Ich hätte einfach 24 Stunden im Bett liegen bleiben können. Düsseldorf fühlt sich auch grad einfach falsch an. Ich fühl mich einsam, hab aber auch keine Kapazität, mich um Kontakte zu kümmern – weder um bestehende und erst recht nicht um neue. Und ehrlich gesagt will ich’s auch nicht, weil ich da ja eh nicht bleiben will. Aber ich weiß auch nicht wohin… Ich fühle mich richtig lost. Naja, jetzt geht’s erstmal los. Erst Kopenhagen, dann weiter. Das stresst mich zwar auch, aber vielleicht kann ich da mal darüber nachdenken, wie’s weitergeht.“

Ich drücke auf Senden, atme aus und lehne mich zurück. Ihre Antwort lässt nicht lange auf sich warten.

„Ob dus glaubst oder nicht – ich weiß ganz genau, wovon du redest. Und ich könnte es auch nicht besser in Worte fassen, woher dieses Gefühl kommt.“

Ich halte das Handy einen Moment in der Hand und höre ihrer Stimme zu, die mir ein bisschen Mut gibt. Immerhin nicht allein. 

Als ich sechzig Minuten später am Fensterplatz im Flugzeug sitze, zieht die Stadt langsam an mir vorbei. Alles, was mich in der letzten Zeit festgehalten und mir ein unwohles Gefühl gegeben hat, wird langsam kleiner. Ich drehe die Musik auf meinen Ohren ein bisschen lauter, um die Gedanken zu verscheuchen, die sich wie Tentakeln durch meinen Kopf winden. Ich versuche, das negative Gefühl abzuschütteln, das mir die Stadt gibt, all die Rückschläge, Trennungen und Enttäuschungen zu übertönen. Der Einsamkeit weniger Raum zu lassen.

In Kopenhagen angekommen, mache ich mich direkt auf den Weg zum nächsten Gate, denn mein Endziel ist noch nicht erreicht. Für einen Moment halte ich an einer Fensterfront und schaue über das Start- und Landefeld. Koffer werden eingeladen, Menschen warten geduldig vor der schmalen Treppe darauf, dass sie ins Flugzeug einsteigen können. 

„Wo sie wohl hinwollen? Wo sie herkommen? Was ihre Pläne am Ziel sind?“

Als ich selbst die Treppe zu meinem Flugzeug hochsteige, nehme ich jeden Schritt bewusst wahr. „Ob sie das Gleiche über mich denken? Ob irgendjemand auf die Idee kommt, welche Abenteuer und Grausamkeiten mich an meinem Ziel erwarten?“

Wahrscheinlich nicht, denn so richtig klar ist es mir selbst auch noch nicht.

Beim Landeanflug taucht unter mir das raue Meer auf. Graue Felsen, die von großen Wellen umspült werden. Dann grüne Hügel. Keine Bäume, nur Weite. Und eine einzige Landebahn, auf die das Flugzeug zusteuert. Ich lehne den Kopf ans Fenster und bin beeindruckt von der atemberaubenden Schönheit der Natur. Langsam mischen sich ein wenig Erleichterung und Vorfreude unter all die Müdigkeit der letzten Zeit. Das Flugzeug setzt auf und rollt langsam zur Parkposition. Angekommen.

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Irgendwo einsam

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